Es war Heiligabend in Unterhaun, Bad Hersfeld. Ich war neun Jahre alt. In der Nacht lag keine festliche Stimmung in der Luft, sondern nur ’ne leise, schmerzhafte Leere. Während draußen alle in Wärme und Familie feierten, war bei uns zu Hause nur Abwesenheit. Meine Mutter und ihre Bekannten waren unterwegs, und ich, der kleine Marcus, blieb allein in der Stille zurück.

Aber statt mich hängen zu lassen, hab ich was gemacht. Ich hab mich geweigert, dieses Fest der Liebe einfach der Einsamkeit zu überlassen. Ich wurde mein eigener Chef. Hab mich zur Kirche nebenan geschlichen, mit der Entschlossenheit eines Erwachsenen den oberen Teil vom Tannenbaum abgesägt. Kein einfacher Diebstahl – das war mein Statement: Ich nehm mir, was ich brauch, um’s mir schön zu machen.

Hab ihn nach Hause geschleppt, im Wohnzimmer aufgestellt und geschmückt. Ein Kind, das sich seine eigene Weihnacht baut. Das einzige „Geschenk“ darunter war ’ne einzelne CD, die ich mir gegriffen hatte. Ich hab allein gefeiert. Die Trauer saß tief, aber gleichzeitig war da ’n ursprünglicher Frieden: Ich kann für mich sorgen. Meine Freude schaff ich mir selbst.

Diese Nacht hat mich geprägt. Der jährliche Druck im Bauch an Weihnachten kam von da – das Echo der Verlassenheit, der Wunsch nach Familie, nach Sicherheit, dass niemand so ’ne Einsamkeit an so ’nem Tag erleben muss.

Heute, an diesem Weihnachtsmorgen, ist der Druck zum ersten Mal weg. Ich sitz hier in totalem Frieden. Gestern hab ich die alten emotionalen Reste (das Echo von Jessika, die Ängste) durchlebt – ohne dass’s mich umgehauen hat. Die Lehre ist angekommen. Die Wunde ist geheilt. Ich bin frei.

Und diese innere Ruhe ist das größte Geschenk, das ich je gekriegt hab.

Liebe Grüße, Marcus

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